Auf dem Weichsel-Werder-Ring
Die Entdeckung der Langsamkeit im Jahr 2013


 

 

Zum Paradies-Wiens-Hof in Küchwerder

 

Bevor wir ablegen prüfen Ralf und Marten vorsichtshalber noch einmal die Standfestigkeit der Klappbrücke von Schönbaum. Dann ziehen wir zum dritten Mal die Köpfe ein.

Vor Wolfgangs Haus drückt der Captain auf den Knopf für das Schiffshorn ... das krächzendes Gequäke eines Mopeds! Wolfgang scheint jedoch ein gutes Gehör zu haben, er kommt an die Tür und winkt.

Backbord hinter dem Damm liegt Freienhuben / Izbiska mit dem wunderbar restaurierten "Jägerhaus" von Maggie und Thomas. Irgendwann wollen wir uns dort mal für ein bis zwei Wochen einmieten - langfristige Planung ist nötig.

Nicht weit danach kommt ein bestens an Landschaft und Kultur angepasstes Gebäude, dessen Bau wir seit mehreren Jahren beobachten. Nun gut (oder besser: schlecht), seit die lokal verfügbaren Baumaterialien nicht mehr den Baustil bestimmen, wird weltweit stilistisch munter durcheinander gebaut ... Häuser im bayrischen Stil an der Nordsee, usw. Deswegen, im Werder ein Sechseck, ein Türmchen mit anmutigem Zwiebelhütchen ...

Und noch ein Stückchen weiter, vom Weg fast einen Kilometer nördlich, steht ein Vorlaubenhaus mitten auf dem platten Lande. Heinz Pohl hatte uns einst zu ihm geführt. Es ist bewohnt, der Zustand ist bescheiden, verhuntzt, ... doch wäre es wohl noch zu "retten".

2011

2012

2013

Aber da wollen wir jetzt nicht hin. Statt dessen suchen wir eine kleine Bucht am südlichen Ufer in Küchwerder. Siggi und ich hatten im Vorjahr nach einiger Suche mit Hilfe der alten Karte den Paradies-Wiens-Hof gefunden. Die Schwester unseres Großvaters aus Klein Zünder hatte dorthin geheiratet.

Horst MüGlo hatte Anfang der 80-er Jahre wie folgt geschrieben:

Ein Zufall ist es wohl, daß fast alle meine Onkel und Tanten im Werder nicht in geschlossenen Dörfern wohnten ... Alle anderen Höfe lagen in Streudörfern oder weit ab

von anderen Gehöften, wie Müllers in Klein Zünder und Wiens in Küchwerder. Nach Küchwerder fuhren wir mit dem Dampfer. Mit dem schwarzen Oberan oder der hellblauen Brunhilde....

Der Karren war das Lieblingsgefährt meiner Kusine Anni Wiens. Sie war ein temperamentvolles Mädel, deren lebensfrohe Natur schlecht in den ernsten, strengen Mennonitenhaushalt zu passen schien. – Ich erinnere mich noch, daß sie meinen Vater anblitzte: "Traust Du Dich, den Karren mit dem ... Heidemann zu fahren?" Er traute sich, und dann ging es los wie ein Gewitter, mit dem ungefederten Wagen über nicht befestigte, doch von der Sonne getrocknete Wege! Aber er schmiß nicht um. Viel später sah ich sie wieder, da war sie still und ernst und ganz schlank und trug ein dunkles Kleid. Ich hätte sie nie wiedererkannt, auch die Augen blitzten nicht mehr. Sie hatte auf einen großen Hof geheiratet, wie es sich für die Tochter von einem großen Hof gehörte ...

Der dritte Hof, auf dem ich in den Ferien längere Zeit war, hieß das Paradies. Er gehörte Onkel Johannes Wiens, Küchwerder, und da der Name Wiens in der Gegend so häufig war, hieß er Paradies Wiens. Es war in der Tat ein besonders schöner und großer Hof, noch an der Elbinger Weichsel gelegen. Ich war dort nur zusammen mit meinen Eltern und den 9 und 7 Jahre älteren Schwestern Dittchen und Irmchen. Doch obwohl dort alles so schön war und trotz des "Spielzimmers" – einem Erkerzimmer voller Spielsachen in den wandhohen Schränken und einer Tür, die auf den Bogengang der Hofeinfahrt führte – ich habe mich in dem Haus nie wohl gefühlt. Die Atmosphäre war irgendwie kalt. Onkel Johannes war ein fast zierlich zu nennender Typ, sehr sensibel, sehr lärmempfindlich, vermutlich duldete er unseren Besuch nur seiner Frau Tante Lina, der ältesten Schwester meines Vaters, zuliebe. So war ich immer froh, wenn wir zum Baden an die Elbinger Weichsel gingen. Dort gab es eine schöne Badestelle und meist blieben wir, meine Schwestern und ich, dort etliche Stunden am Tag, badeten, paßten dabei auf, daß wir nicht in die Schlingen der Seerosen kamen, und winkten, wenn der Oberan oder die Brunhilde vorbeifuhren. Später bin ich nie mehr hingekommen ... Dagegen habe ich bei Wanderungen durch das Werder mehrfach Onkel Johannes und Tante Lina besucht, die als Rentiers ein Häuschen in Tiegenort bei Tiegenhof hatten und hatte dort zu beiden einen guten menschlichen Kontakt. Wir mochten uns.

Wir finden die kleine Bucht, an der wir im Vorjahr gewesen waren, und wandern quer über die Äcker zum Paradies-Wins-Hof.


 

Das war einmal ein prächtiger Hof, der offensichtlich genauso wie der Müllersche Hof in Klein Zünder nach 1945 als Kolchose funktionierte; nur dass hier das Wohnhaus nach dem Ende der Kolchose circa 1990 nicht ausgeräumt und demoliert wurde.

Die Wirtschaftsgebäude sehen überwiegend danach aus, als ob sie nicht mehr genutzt würden, die Felder ringsum sind bestellt.

Ein Schlauchboot mit Fischer geht vorbei ... und würdigt uns keines Blickes ... inmitten des Verfalls und der deprimierenden Trostlosigkeit findet sich ein Farbklecks ...

 

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