Heinz Mandey : Ungeordnete Erinnerungen -
Nickelswalde zwischen 1935 und 1958

Flucht

Der Zeitpunkt, die eigene Flucht zu planen, rückte immer näher. Eine Entscheidung zu treffen fiel meiner Mutter schwer. Die täglichen Informationen, laut denen erneut einige Marineprähme mit Flüchtlingen versenkt worden waren, somit hunderte von Toten zu beklagen waren, ermutigten nicht unbedingt, sich für eine Flucht über das Meer zu entscheiden. Aber eine andere Möglichkeit gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Es war bereits der 08.05.1945. Gegen 15 Uhr nahmen die Angriffe der Russen ab. Es wurde nach wie vor geschossen aber nur noch vereinzelt.

Die letzte Möglichkeit zur Flucht war der Besatzung der Dampffähre Nickelswalde – Schiewenhorst vorbehalten. Diese Fähre wurde seit einiger Zeit zusätzlich zum Fährbetrieb täglich ab 22 Uhr für den Transport von Wehrmachtangehörigen, verwundeten Soldaten und Flüchtlingen zur Halbinsel Hela eingesetzt. Da der Kapitän dieser Fähre mein Onkel war, war meine Mutter über die letzte Fahrt der Fähre informiert. Mein Onkel selber hatte keine Entscheidungsgewalt über die Mitnahme von Passagieren, aber durch einen glücklichen Zufall gelang es meiner Mutter und mir doch auf die Fähre zu gelangen. Mit der Einschiffung ging es sehr schnell, da die Russen sich angeblich schon in der Nähe am Ortseingang von Nickelswalde formierten.

Die Fähre legte gegen 20 Uhr 30 vom Ufer ab in Richtung See. Auf dem Deck befanden sich zwei oder drei Schlauchboote, in denen sich schwer verwundete Soldaten befanden. Wir wurden unter Deck untergebracht. Ich erinnere mich sehr genau. Nachdem wir auf See waren kam ein starker Sturm aus Richtung Nordwest auf. Es wurde sehr unruhig, auch im Inneren der Fähre. Gegen 24 Uhr kam mein Onkel von der Brücke, und sagte zu meiner Tante und zu meiner Mutter, wir müssten sofort an Deck kommen, denn die Fähre würde von einem U-Boot an Backbordseite mittschiffs verfolgt. Der Mond strahlte auf die vom Sturm aufgewühlte See und in unmittelbarer Nähe, vielleicht circa 5 Meter entfernt von der Fähre, war das U-Boot in voller Länge aufgetaucht. Es wälzte sich in den Wellen, sah aus wie ein großer Wal. An Deck war kein Laut von den Menschen zuhören. Ich denke, wir hielten alle den Atem an. Nachdem wir eine lange Zeit ­ wie lange? Keine Erinnerung ‑ an Deck ausgeharrt hatten, drehte das U-Boot ab. Möglicherweise dachte der russische U-Bootkommandant, mit dieser Nussschale ertrinken die ohnehin von selber. Denn die Fähre war alles mögliche aber sicherlich nicht hochseetauglich.

Es war am dritten Tag unserer Fahrt, als das Trinkwasser aufgebraucht war. Wir mussten in kleinen Rationen Seewasser trinken. Da das Ostseewasser nicht so salzhaltig ist, war es für den Magen verträglich. Der Sturm flaute ab und die aufgewühlte See beruhigte sich nach und nach. Nun wurden auch die Schäden sichtbar, die der Sturm angerichtet hatte, doch größere Schäden waren nicht entstanden. Die Fahrt ging nun im ruhigen Fahrwasser weiter. Plötzlich machte sich ein schwerer Ruderschaden bemerkbar. Die Fähre war manövrierunfähig und wurde von den Strömungen hin und her getrieben. Die Funkstation an Bord funktionierte noch, und glücklicherweise befand sich ein Marineschiff in der Nähe, es könnte ein Minenräumboot gewesen. Dieses nahm uns in Schlepp bis zur Kieler Förde.

Ankunft in Schleswig-Holstein

Dort angekommen wurden die meisten Passagiere von einem kleinen Boot abgeholt, auch meine Mutter und ich. Wir wurden in Eckernförde am Hafen ausgesetzt. Nun mussten wir warten, es war noch früh am Tag. Am Vormittag erfolgte die Anweisung, in einen Zug zusteigen, die auch befolgt wurde. Nach kurzen Zeit setzte sich der Zug in Bewegung. Die Reise führte an Feldern und Wiesen entlang; Häuser oder ähnliches kamen nicht in Sicht. Nach einer längeren Fahrzeit Owschlag Wappen.pngerreichten wir am frühen Nachmittag Owschlag in Schleswig Holstein. Es war Mitte Mai und sehr heiß an diesem Nachmittag. Ich erinnere mich sehr genau, dass auf dem Bahnhof ein Lazarettzug mit Schwerverwundeten in den Wagons abgestellt war. Sie schrien wie Tiere, ich denke, aufgrund Ihrer Verletzungen.

Wir standen nun vor dem Bahnhofsgelände und warteten. Nach einer Weile kam ein Fuhrwerk, und jetzt hieß es die Fluchtlinge sollten auf den Wagen steigen (kein Schreibfehler, es hieß wirklich „Fluchtlinge“). Es ging nun nach einer halben Stunde Fahrt ins nächste Dorf namens Norby. Unterwegs fiel uns auf, dass hier wohl keine Kampfhandlungen stattgefunden hatten, es gab keine Ruinen oder niedergebrannte Häuser und dergleichen.

Vor einer Gaststätte murmelte der Kutscher etwas, das wohl heißen sollte: Absteigen! Wir gingen durch ein hohes Scheunentor und befanden uns auf dem hinteren Hof. Es handelte sich hier um eine größere Gaststätte mit einem Tanzsaal sowie einem Wohnhaus.

Nach kurzer Zeit erschien der Eigentümer und erklärte uns, dass wir die Unterkünfte noch nicht betreten könnten, diese müssten erst ausgemistet werden, es handele sich um einen stinkigen verdreckten Schweinestall, und außerdem bekäme er, der Eigentümer erst am nächsten Tag etwas Stroh. Auf die Frage ob wir denn nicht im Saal schlafen dürften, sagte er, dass die Dorfjugend beim Herrn Bürgermeister vorstellig gewesen sei, sie möchte doch am Wochenende so gern tanzen wie immer, und somit dürfe er den Saal nicht mit Fluchtlingen belegen. So war es nun. Wir haben dann die erste Nacht zusammengekauert unter freien Himmel bei eisiger Kälte verbracht. Am nächsten Morgen wurden uns dann zwei Ziegelsteine hingeworfen, ein rostiger Wasserkessel hingestellt. Da konnte sich jeder etwas Trinkwasser holen und etwas Wasser aufkochen damit der Magen etwas Warmes bekäme. Denn dieses dahergelaufene Fluchtlingspack, die hatten ja noch nicht mal Koffer mit Wäsche dabei. Auch im Allgemeinen waren die meisten Dorfbewohner wohl der Meinung, man solle dieses Pack auf einen Pferdewagen werfen und in die See reinfahren, dann wären Sie doch weg.

Am nächsten Tag durften wir den halbwegs ausgemisteten Schweinestall betreten und mehrere Nächte dort verbringen. Man warf auch Stroh herein, so reichlich, dass man die Strohhalme am besten über Kreuz hätte legen sollen, um etwas ergiebiger zu sein. Nach einigen Tagen war das mit der Tanzerei wohl nicht mehr akut, und wir durften im Saal schlafen; ich weiß nicht mehr wie lange aber es waren etliche Wochen.

Eines Tages wurden wir einzeln aufgerufen. Uns wurde mitgeteilt, dass wir in den nächsten Tagen eine Unterkunft bekommen würden. Ein Schupo führte die Menschen zu den einzelnen Häusern, sonst wäre der Einlass unmöglich gewesen. Es gab unter den Einheimischen auch freundliche Leute, die den Flüchtlingen etwas geholfen haben, aber diese hatten meistens auch nichts. Die anderen waren uneinsichtig sowie auch bösartig.

 

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