Aufstieg und Untergang des
Müllerschen Hofes in Klein Zünder

01.03.2010
 

 

H. MueGlo schrieb 1982 in seinen Lebenserinnerungen:

In den Kirchenbüchern des Werders tauchte Anfang des 19. Jahrhunderts, also sehr spät, ein Einwanderer aus dem Osten auf. Friedrich Wilhelm Müller, geb. 1786 in Königsberg / Pr., heiratete 1814 in Neuteich, dem kleinen Landstädtchen im südlichen Großen Werder, Carolina Dorothea Ott aus Leske bei Neuteich. Beruf des FWM: Huf‑ und Waffenschmied. Deren Sohn Ferdinand, mein Großvater, wurde 1836 in Schönhorst im Großen Werder geboren. 1866 heiratete er, Berufsangabe "Hofbesitzer" in Steegen (Ostseebad, westlich Stutthof), Auguste Caroline Glodde. Er starb 1891 in Klein Zünder. Dort besaß er einen schönen großen Hof (auf dem mein Vater geboren wurde), in dem zuletzt entwässerten Gebiet des Danziger Werders [1]. Vermutlich besaß er ihn schon bei seiner Hochzeit. Er nahm sich 1891 im Alter von 55 Jahren das Leben. Folglich war sein Name in der Familie tabu. Insbesondere hat wohl meine Großmutter mit ihren Kindern nicht über ihren Vater gesprochen. So bleibt es mir unbekannt, wie der Sohn des Huf‑ und Waffenschmieds zu einem so großen Hof kam, woher das Geld für Land, neue Gebäude, Vieh stammte.


[1]   Das Frische Haff reicht um 1300, als der Deutsche Ritterorden das Land kaufte, bis Danzig. Teile des nördlichen Werders liegen somit auch heute noch unter dem Meeresspiegel, denn die Eindeichung, mit der ab 1300 begonnen wurde, unterbindet die weitere allgemeine Erhöhung des Landes durch Schlammablagerung. 1540 und 1543 wurde das Danziger Werder nach großen Deichbrüchen überschwemmt, es blieb vier Jahre unter Wasser. 1657 - 62 setzten die Schweden das nördliche Werder unter Wasser, 1813-15 die Franzosen. Nach dieser letzten Überschwemmung wurde von der Familie Müller offenbar das besiedlungsfrei gewordene Gelände in Klein Zünder gekauft.

... Trotz des Erwerbs des Hofes war die Familie Müller offenbar recht wohlhabend. Da waren der Hauslehrer für die Kinder, die recht kostbare silberne Uhr, die ich aus dem Nachlaß erbte (und die 1945 in Danzig verbrannt ist), die Glaskutsche "Rummelsburger", eine Sonderanfertigung für die zwölfköpfige Familie. Ein Sonntagsgefährt, das, nach heutigen Maßstäben mindestens einem Mercedes 450 entsprach.

Kurz, dieser Martin Ferdinand Müller war der Begründer der einzigen Bauernfamilie im Werder mit dem Namen Müller.

... Nach Klein Zünder fuhren wir mit der Kleinbahn, 60 cm Spur, zweite, dritte und vierte Klasse. Wir – wie auch die Verwandten - fuhren vierter Klasse. Meine Schwester Edith, genannt Dittchen, und ich gingen auch schon mal die 20 km bis Klein Zünder zu Fuß.

Kleinbahn in Groß Zünder

pdf-Artikel über Kleinbahnen in Danzig und Westpreußen

Informationstafel mit neuen und alten Karten des Werders, Photos und Abbildungen

Ehemaliges Laubenhaus in Klein Zünder

In Klein Zünder hatten nicht nur unsere Urgrosseltern Martin Ferdinand Müller und Auguste Caroline Glodde ihren Hof und wurden unser Großvater Willi Müller sowie sein Bruder Bruno Müller geboren, sondern hier lebten auch Generationen von Schumachers seit 1723.

2009: Vom Langgarten folgen wir dem ehemaligen Kneipab, der jetzt in die Europastrasse 7 übergeht, bis circa 5 km vor der Weichsel, biegen dort rechts ab und kommen nach ein paar Kurven in Cedry MaŁe / Klein Zünder an.

Ein Straßendorf, vielleicht 1,5 km lang. Und nun?

Wir suchen ein Gehöft aus der Vorkriegszeit, und haben keine Vorstellung davon, wie es aussah. Das einzige, was wir wissen, ist, dass es kein Vorlaubenhaus war...

Nicht weit vom östlichen Ortseingang finden wir dieses Gehöft ...

... und dieses ...

... sowie ein nicht mehr existierendes Vorlaubenhaus, das auf einer Informationstafel am Straßenrand abgebildet ist.

Irgendwie scheint das alles nicht so recht zu passen - Ratlosigkeit und Frustration ...

Wochen später in Deutschland. Die Tante und der Vetter bestätigen, nein, keiner der abgebildeten Höfe ist der von den Urgroßeltern. Sie sagen, es war eine doppelstöckiges, weißes Gebäude ... solch eines haben wir nicht gesehen. Steht es nicht mehr? Wurde es am Kriegsende zerstört?

Beim Schreiben dieser Seite, lese ich noch einmal im Lebensbericht von H. MüGlo herum und finde:

"Ein Zufall ist es wohl, daß fast alle meine Onkel und Tanten im Werder nicht in geschlossenen Dörfern wohnten. Nur Bindemanns, aber ganz am Anfang eines langen Straßendorfes, und Kuluckes am äußersten Rand des Haufendorfes Gottswalde. Alle anderen Höfe lagen in Streudörfern oder weit ab von anderen Gehöften, wie Müllers in Klein Zünder und Wiens in Küchwerder." [Fettschrift von mir.]

Haben wir Dussels falsch gesucht? Wir haben im "Zentrum" von Klein Zünder gesucht und sind die Hauptstraße rauf- und runtergefahren. Hätten wir in die Nebenwege einbiegen müssen (Nebenstraßen gibt es nicht)? Ich schaue auf die unten eingefügte Google Earth Aufnahme vom August 2009 in der größten Auflösung - und habe keine Idee, wo das Haus sein könnte. Nördlich, östlich und westlich des Ausschnittes sind nur Felder, keine Gebäude. Und gen Süden schließt sich Groß Zünder an. Wir müssen die unten aufgeführten alten Karten studieren ...  und dann da wohl noch einmal hin ...

Klein Zünder in "Familienforschung in Westpreußen"

Aus Karte des Deutschen Reiches 1 : 100.000

 

Free counter and web stats