Lebensberichte & Familienchroniken

Johann Gottlieb Kling
1809 Schmerblock - 1901 Groß Zünder

Lebensbeschreibung : Als Hofbesitzer in Groß Zünder
geschrieben in Groß Zünder, 1896


 

 

Dies ist er erste Teil einer Trilogie von Lebensbeschreibungen aus dem Kreis der Familien Kling und Behrendt in Groß Zünder in der Danziger Niederung. Alle Teile sind von einem Mitglied der erweiterten Behrendt-Steinke-Familie hier zur Veröffentlichung bereitgestellt worden.

Der Lebensbericht stammt aus dem Nachlass des Hugo Edmund Behrendt (1872 - 1959), dem Enkel von Johann Gottlieb Kling, bearbeitet für die Familie durch die Ur-ur-Enkelin Margarete R., geb. Behrendt.

 

Eine Lebensbeschreibung des Johann Gottlieb Kling wurde 1988 bereits von Dr. Hilde Simmenroth veröffentlicht, einer, wie es heißt, Enkelin der ältesten Tochter des Edmund Ludwig Behrendt und der Klara Wilhelmine Kling - die älteste Tochter war die 1871 in Bärenwinkel / Lichtfelde geborene Maria Louise Behrendt. Diese Dr. Hilde Simmenroth ist im Kreis der Kinder des letzten Behrendt-Hofbesitzers bislang nicht bekannt.

Lt. Dr. Hilde Simmenroth existieren mehrere Abschriften des Lebensberichtes in der Familie. Das Erstaunen war jetzt jedoch gewaltig, als die nähere Betrachtung ergab, dass die Geschichte identisch ist, sie inhaltlich und sprachlich jedoch erhebliche Unterschiede aufweisen: So gut wie kein Satz stimmt überein; Ereignisse sind unterschiedlich detailliert dargestellt; die Simmenroth-Version enthält offensichtlich Erläuterungen für Leser, die mit der Region und ihrer Geschichte weniger vertraut sind; sie enthält auch sprachliche Brüche. Der Eindruck: Hier wurde entweder in erstaunlicher Form "aufgehübscht" oder diese Version radikal vereinfacht ... beides wäre wohl kein glücklicher Umgang mit einer Quelle.
 

Simmenroth, Hilde: Lebensbeschreibung des Rentiers Johann Gottlieb Kling zu Groß Zünder, Vom Jahre 1807 - 1896, in: Altpreußische Geschlechterkunde, Hrsg. VFFOW, Hamburg 1988, S. 117 - 127

Lebensbeschreibung des Johann Gottlieb Kling

Die Erlebnisse meiner Eltern aus den Kriegsjahren von 1807 bis 1814 und bis dahin, das ich eine selbständige Auffassung hatte, sind mir von meinen Eltern erzählt worden.

Mein Vater mit Namen Johann Gottlieb Kling, geboren 1783, gestorben 1836.

Meine Mutter mit Namen Constanzia Renata Kling, geborene Krüger, geboren 1788, gestorben 1870.

Meine Grosseltern von väterlicher, wie von mütterlicher Seite, wohnten im Dorf Groß-Zünder.

Mein Vater verheiratete sich 1807 mit der Tochter des Hofbesitzers Krüger.

Es waren wirre Kriegsjahre und es war eine sehr schlechte Zeit. Die Eltern konnten nicht ihren eigenen Hausstand gründen. Der Vater wohnte bei seinen Eltern, die Mutter bei ihren Eltern. Dazu kam, dass der Vater meines Vaters starb. Das war für die ganze Familie ein großer Verlust, eine große Trauer.

Vaters Eltern hatten zwei Kinder. Mutters Eltern hatten neun Kinder und lebten in schlechten Verhältnissen.

Meine Eltern entschlossen sich, ihren eigenen Hausstand zu gründen. Sie pachteten im Dorf Schönrohr im Felde, in der Nähe des Schusterkruges, einen Altenhof mit einigen Morgen Land und zogen dahin. In diesem Altenhof bin ich 1809 den 9. Dezember geboren.

Die Stadt Danzig war von den Russen belagert. Damit die Franzosen, die in der Stadt waren, keine Lebensmittel aus dem Unterwerder

Genealogische Daten:

- der Vater Johann Gottlieb Kling ist 1783 nicht in Groß Zünder (GrZ) geboren. Seine Eltern: George Kling, Nachbar in GrZ, KlZ und Zugdamm, Schulz, & Adelgunde Concordia Reiss, * ca. 1763. Sie haben offensichtlich im Raum Zugdamm / Trutenau geheiratet und vor dem Umzug nach GrZ dort gewohnt. Den Namen Kling gibt es in GrZ / KlZ bereits im 17. Jahrhundert; ohne die Heiratsdaten lässt sich jedoch keine Zuordnung herstellen.

- die Mutter Constanzia Renata Krüger. Die Eltern sind David Krüger (* ca. 1748, Ort unbekannt, † 1840 in Kohling bei einer verwitweten Tochter, begraben in Rambeltsch) und Renata Elisabeth Schumacher (* 1765, † 1834). Die Schumacher lassen sich weitere fünf Generationen in GrZ / KlZ und Käsemark bis ca. 1640 zurückverfolgen. Sie stellen im 18. Jahrhundert Schulzen und Kirchenvorsteher.
Zur Heirat von David Krüger und Renata Elisabeth Schumacher 1786 heißt es im KB GrZ:
"Renate Elisabeth Schumacher des Johann Schumacher Nachbar alhier älteste Tochter ist mit David Krüger, ... Gesell zusammengegeben worden in der Stadt ... " Fünf Wochen später wurd in GrZ eine Tochter geboren. Danach hat die Familie woanders gesiedelt - die Tochter Constanzia Renata ist 1788 nicht in GrZ geboren. Auch bei der Landesaufnahme 1793 ist David Krüger nicht aufgeführt. Spuren gibt es in GrZ erst wieder zwischen 1800 und 1808 durch vier getaufte Kinder. Da lt. Johann Gottlieb Kling die "in schlechten Verhältnissen" lebenden Großeltern neun Kinder hatten, sind mindestens drei zwischen 1787 und 1799 andernorts geboren.

Johann Gottlieb Kling und Constanzia Renata Krüger heiraten nicht 1807 sondern Ende 1805 in GrZ - der Eintrag ist sehr schwer zu entziffern.

Hesse-Karte von 1803: Eine Reihe von Krügen ist eingezeichnet, leider nicht der Schuster-Krug
 

(süd-östlich von Danzig) bekommen sollten, stachen die Russen beim Schusterkrug den Weichseldamm durch und liessen das ganze Unterwerder unter Wasser. Da wurde auch das Grundstück meiner Eltern unter Wasser gesetzt. Unter diesen Umständen konnten meine Eltern hier nicht bleiben, mußten das Grundstück verlassen, sich eine andere Unterkunft suchen. Im Januar 1810 zogen sie nach Groß-Zünder ins Feld. Das Grundstück, das hinter der Kornmühle liegt, soll unbewohnt gewesen sein. Gegenwärtig wohnt der Hofbesitzer Herr Knop dort. Ob meine Eltern den Hof gepachtet oder umsonst darin gewohnt haben, weiß ich nicht. Soll damals eine Hufe Land dabei gewesen sein.

Carl Knoop, verheiratet mit Emilie Pilz, mindestens drei Kinder, wpvon eines 1889 in GrZ geboren ist; in zweiter Ehe verheiratet mit Alice Burow (?), zwei Kinder. Er erwirbt den Hof vor 1889 und verkauft ihn vermutlich vor 1914. Ob er etwas mit den Rostauer Knoops zu tun hat ist noch nicht geklärt.

Geognostisch-agronomische Karte von 1903

Auch hier sollten meine Eltern nicht bleiben. Im Februar kamen die Russen, plünderten die Eltern. Der Vater wollte es nicht zulassen. Er wurde von den Russen derart misshandelt, daß er das Haus verlassen musste, um im Felde Schutz zu suchen. Da nahm die Mutter ihre drei Kinder und flüchtete ins Dorf der Eltern. Das älteste Kind war im dritten Jahr, das zweite im zweiten Jahr, ich war 2 Monate alt. Es war tiefer Schnee. Die Kinder konnten in dem tiefen Schnee nicht

 

gehen. So mußte die Mutter immer ein Kind ein Ende vorwärts tragen, auf den Schnee setzen, das andere nachholen. Mich hatte die Mutter mit einem Tuch an den Leib gebunden. So ging der Transport ins Dorf zu den Eltern. Die beiden Mädchen hatten sich so sehr erkältet, daß sie nach kurzer Zeit starben. Auch ich soll sehr krank gewesen sein.

Bislang findet sich im KB GrZ nur die Geburt der Tochter Carolina Elisabeth von 1808, die 1813 stirbt. - Johann Gottlieb Kling wird als "Pächter" ausgewiesen. Ein zweite ältere Schwester fehlt; ebenso zwei Sterbeeinträge 1809 / 1810. So stellt sich die Frage, ob die Geschichte in den Bereich der "Familiensagen" gehört...

In der Zwischenzeit hatte sich Vaters Mutter, die Witwe war, mit einem Mann namens Prohl aus Käsemark wieder verheiratet.

Die Eltern von Vaters Seite mussten meine Eltern unterhalten, da die Eltern von Mutters Seite neun Kinder hatten und in schlechten Verhältnissen waren.

Cornelius Prohl, * 1779 in Schönrohr, Mitnachbar in GrZ & KlZ & Zugdam, Schulz, ∞ Adelgunde Concordia Reiss, verwitwete Kling.

Mein Vater hatte noch eine Großmutter. Sie war verwitwet und wohnte in Zugdam, besaß da ein Grundstück mit sechs Hufen Land. Sie wirtschaftete mit ihren beiden Söhnen, die Krüppel waren.

Nachdem Vaters Großmutter starb, wurden meine Eltern auf diesen Hof geschickt. Sie blieben einige Jahre dort und zeugten eine Tochter und einen Sohn.

Im Jahre 1814 wurden die Zeiten besser. Die Stadt Danzig wurde für Handel und Wandel geöffnet.

Witwe Reiss

Vaters Eltern besorgten sich Geld aus Danzig und regulierten die Erbschaft. Das bewirkte eine Wendung in der Familie.

Adelgunde Concordia Reiss, verwitwete Kling & Cornelius Prohl

Vaters Schwester übernahm käuflich das Grundstück in Groß-Zünder, heiratete einen jungen Mann namens Scheffler aus der Nehrung.

Der Vater kaufte sich 1815 im Frühjahr ein Grundstück mit 1 Hufe Land, 18 Morgen, im Dorf Landau. Sie zogen gleich dahin. Da kam für die Eltern eine bessere Zeit, war doch Friede im Lande.

Sie hatten ihr eigenes Grundstück, wirtschafteten mit Fleiß und Lust, und hatten ihr leidliches Auskommen.

Will einiges von den damaligen Preisen erwähnen: Eine Milchkuh kostete 45 bis 50 Mark, ein fettes Schwein 27 bis 30 Mark, eine magere Gans vom Händler 8 Silbergroschen, Roggen 9 bis 10, Gerste 7, Hafer 5 Silbergroschen der Scheffel. Was gebraucht wurde, war billig.

In der Niederung wurde damals hauptsächlich Milchwirtschaft betrieben wurde. Die Butter kostete auf dem Danziger Markt 20 Pfennige das Pfund. Wenn es im Sommer Reste gab, ging man auf den Fischmarkt. Da waren Händler, die hatten kalte Keller. So bekamen wir für das Pfund weiche Butter 15 Pfennige.

Sara Kling, * ca. 1795, nicht in GrZ, † 1831 an der Cholera, ∞ 1816 mit Carl Gottlieb Scheffler, * ca. 1776, † 1831 an der Cholera, "aus der Nehrung, Bohnsacker Weide", Mitnachbar in GrZ - so ganz "jung" war dieser nicht mehr bei der Heirat.

Die Schwester meiner Mutter war mit einem Mann namens Klatt verheiratet. Beide starben und hinterliessen einen Sohn.

Meine Eltern mußten ihn zur Erziehung aufnehmen. Er war ein Jahr älter als ich. Nachdem Klatt und ich herangewachsen waren, mußten wir, soweit es unsere Kräfte erlaubten, tüchtig arbeiten.

Nach unserer Konfirmation wurde Klatt von den Eltern entlassen und nahm eine Stelle als Dienstbote an.

Die Schwester ist die 1786 in GrZ geborene Caroline Elisabeth Krüger, die 1808 in Gottswalde den von dort stammenden Nachbarn Peter Gregorius Klatt heiratet.

Ich entschloss mich, das Müllerhandwerk zu lernen und fand eine Lehrstelle beim Müllermeister Ahmann in Gemlitz. Mein Vater brachte mich dahin. Der Meister hatte die Windkornmühle gepachtet und acht Morgen Land. Männliche Dienstboten gab es nicht und so war ich mehr in der Landwirtschaft tätig. In der Kornmühle durfte ich nur mithelfen, wenn es viel Arbeit gab. Dann besorgte der Meister die Wirtschaft. Das gefiel meinem Vater nicht. Er besprach das mit seinem Schwager Boschke, der Müllermeister in der Grossen Kornmühle in Danzig war. Boschke wusste, dass Kollege Wulf seinen Lehrbuben wegen Diebstahl entlassen musste. Er besorgte mir die Lehrstelle, und die Zeit in Gemlitz wurde mir angerechnet. Mein Vater schickte einen Boten mit der Nachricht, ich solle nach Hause kommen und meine Sachen mitbringen. Der Meister Ahmann wusste, dass mein Vater mit der Lehrstelle nicht zufrieden war und ließ mich gehen. So trat ich bei Meister Wulf in die zweite Lehrstelle.

Karte Koppin von 1811